Club der Anhänger alter Renault

Club des Amateurs d'anciennes Renault

C.A.R.












4L Trophy 2014

Sand, ein Geburtstagskind und 8500 km

Was wie die Reise eines Nordseeshrimps durch Europa klingt, war die 17. „4L Trophy 2014“ - eine Art Paris-Dakar für studentische Geldtaschen. 1350 Renault R4 (in Frankreich Renault 4L genannt) mit jeweils zwei Fahrern packen 35 kg Schulmaterial und machen sich auf den Weg von Frankreich nach Marrakesch - natürlich über Stock und Stein. Was für Österreicher wie eine verrückte Utopie klingt, ist für Franzosen eine der größten studentischen Veranstaltungen des Jahres, und es macht Freude zu sehen, dass Benzin nicht nur bei uns im Blut fließt.

Die erste Herausforderung ist es überhaupt einen Wagen zu finden, da das Salz in den heimischen Wintern die Oberhand  über die rudimentäre Rostschutzvorsorge der R4 behalten hat. Wie gut, dass es beim Heurigen Stammgäste gibt, die ihren fahrbaren Untersatz (Baujahr 1984) gegen Speis und Trank eingetauscht haben. Nach wenigen Modifikationen und der unerlässlichen Hilfe und Expertise des Renault Club in Österreich und der Werkstatt von KFZ-Kurz im Waldviertel war der "gelbe Engel" einsatzbereit. Nicht jedoch, ohne zuvor die Motorleistung per Rennstreifen subjektiv von 30 PS und 845 ccm auf mindestens das Doppelte erhöht zu haben!

Obwohl unsere Sponsoren zum ersten Mal von dem Projekt hören, gibt es eine wohlmeinende Minderheit, die willens ist, uns zu unterstützen, und so führt eines zum anderen. Aufgrund von universitären Fallstricken werden die Überführung und Startformalitäten von nur einem Piloten erledigt, was zu Unverständnis und im gleichen Ausmaß zu Bewunderung führt. Aller Bürokratie zum Trotz startet Équipage 1290 als einziges österreichisches Team am 13.2.2014.

1200 km durch Spanien sind lang genug, aber bei 30 PS zieht die Topografie die Durchschnittsgeschwindigkeit runter. Auf der Fähre nach Marokko wird einem endlich das Ausmaß der Veranstaltung bewusst. 1350 Fahrzeuge bedeuten auch 2700 Kunden an der Tankstelle. Die erste Nacht in Rabat bestätigt das eiserne Gesetz des Campingurlaubs - auch im arabischen Raum regnet es, sobald das Zelt den Boden berührt.

Die Passstraßen des Atlasgebirges werden zur ersten wirklichen Herausforderung für unseren R4. Vor der Revision des Kühlkreislaufs gab er uns keine 40 km ohne einen zerfetzten Ausgleichsbehälter, und nun sollten es 1920 Höhenmeter werden. Doch unsere Ängste sind unbegründet. Nach zwei Stunden stehen wir am verschneiten Gipfel und schauen den Einheimischen beim Rodeln zu. Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem wir die Farben Grün und Weiß hinter uns lassen und in die 50 Shades of Brown (beige) eintauchen. Von nun an geht´s um die Wurst. 30 Jahre alte Stoßdämpfer und ebenso alte Motorlager, navigiert von zwei Jusstudenten mittels Roadbook und Kompass über 1000 km brutalste Steinwüste und materialmordende Sandlöcher - das klingt nicht nach Flanieren auf der Ringstraße. Aber unser R4 straft uns Lügen, da er nicht nach der ersten Etappe mit gebrochenem Chassis zur Werkstatt geschleppt werden muss, sondern von Tag zu Tag besser wird. So ist es auch verkraftbar, dass nach einigen unvermeidbaren Aufsetzern die Lenkstange den Abgaskrümmer permanent berührt und dadurch ein zusätzliches Nebengeräusch im ach so gut gedämmten R4 hinzukommt. Aber die Tatsache, dass ein 1300 € teures Familienauto weniger wiegt als ein KTM X-Bow und mehr im Gelände unterwegs ist als jedes SUV in 1010 (bei gleichem Böschungswinkel wohlgemerkt), entschädigt für jegliche Lärmbelästigung, und zudem ist die Reparatur mittels eines einfachen Holzkeils denkbar - "low key" für unsere Zeit! Verglichen zu den durchgeführten Arbeiten an den anderen Autos ist unser R4 nur zur Mundhygiene geladen, da diese mit wesentlich intensiveren Wurzelbehandlungen (z.B. ausgerissene hintere Achsaufhängungen) zu kämpfen haben. Aber nichts ist für unsere Mechaniker zu spät oder zu schwierig.

Das Campleben abends nach den Etappen funktioniert nach den ehernen Bräuchen des Motorsports: Wer dank Dachträger einen abgefallenen Auspuff mitnimmt oder den unzähligen Steckengebliebenen hilft, hat sich am Lagerfeuer ein oder zwei Bier verdient. Da nur der Kilometerstand und nicht die Zeit zählt, wird Solidarität großgeschrieben. Ohne starken Zeitdruck kann man auch die einzigartige Landschaft aufsaugen,  was auf den ersten Blick erstaunt, ist doch der Hauptbestandteil  der Aussicht "Nichts". Jedoch ist gerade für Österreicher mit ihrer dicht besiedelten Umgebung die Erfahrung einzigartig und trägt nicht unwesentlich zur Faszination der 4L Trophy bei.

Als besonders herausfordernd erweist sich die Marathonetappe am Ende der Rallye. 360 km nonstop, auch ohne die für Franzosen obligatorischen Kaffeepausen, stellen neue Herausforderungen an Mensch und Material. 20 x 20 km an ausgetrocknetem Urzeitsee allein sind Belohnung genug für die Strapazen. Man fühlt sich wie Cyril Desprès und Walter Röhrl, auch wenn man nur mit ca. 70 km/h unterwegs ist, aber die Genugtuung, in den 4. von 4 Gängen schalten zu können, ist überwältigend. Eine Kohlemine, weitere Hochplateaus und Passagen mit tiefem Sand und noch mehr Sand entschädigen für die aufgebrachten Mühen, da hilft nur eines - und zwar Vollgas! Endlich kommt auch die letzte Komponente zu unserer Offroad-Erfahrung: Eine aufgestaute Wasserlacke führt zur dringend notwendigen "Gatschtaufe" unseres liebgewonnenen Boliden.

Nichtsdestotrotz ist die Erleichterung groß, nach Tagen an hygienischer Enthaltsamkeit eine Dusche ohne Sand vorzufinden. So sind die verbleibenden 400 km zur Siegerehrung in Marrakesch ein Klacks. Platz 338 von über 1300 Autos ist für Exoten aus einem Land ohne Kenntnis dieser hervorragenden Veranstaltung ein mehr als beachtliches Ergebnis, und es verbleibt die Aussicht auf die Stammtischhoheit: "Wann hast du das letzte Mal 1000 Leute geschnupft (in einem Renault)?" Da fällt die Heimreise nicht mehr so schwer...

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